Was Erfolg reich macht – Teil 5-6

by Caroline Wilhelm on 25. März 2013

Vom Machen zum Werden-Lassen

Der Arbeitstitel meines zweiten Buches heisst “Spitzenleistung wenn’s drauf ankommt”. So war ich natürlich neugierig, was Rudolf Wötzel sagt auf die Frage: Was macht eine Leistung „Spitze“? Er hat selber Spitzenleistung erbracht – als Banker in der „ersten Welt“ und auf seinem 6-monatigen „Alleingang“ durch die Alpen. Ich bat ihn um eine kurze Definition, was in der einen Welt Spitze ist, und was in der anderen Spitze ist. Und wie er in der einen Welt die Energie mobilisierte, Spitzenleistung zu erbringen – und wie in der anderen.

Spitzenleistung im ersten Modell heisst, an der Spitze sein, möglichst weit vorne an der Spitze; sei es einkommensmässig, hierarchiemässig,  an der Grösse der Deals, an der man arbeitet, die Bedingungslosigkeit im Einsatz, Kompromisslosigkeit mit eigenen Bedürfnissen – da Spitze zu sein. Die Bereitschaft zur totalen “Selbstaufgabe” für die Sache.

Und Spitzenleistung im anderen heisst, in der von mir definierten Vision oder Zielsetzung das Beste geben; etwas zum Erfolg bringen. Der grosse Unterschied zum andern ist, dass ich derjenige bin, der definiert, was für mich Spitzenleistung ist – eine Vision und ein selbstgesetztes Ziel zu haben. In der anderen Welt sind die Ziele fremdgesetzt. In meinem Fall war das Ziel nicht der Jakobsweg, sondern der von mir selbst skizzierte Weg. Die Vision war, die Alpen auf der Hauptlinie zu überqueren.

Ich glaube, das hat viele grosse Vorteile. Beispiel Jakobsweg versus selbst zusammengebastelter Weg: Da hat man schon beim Entwickeln des Projektes viele kreative Entfaltungsmöglichkeiten. Im andern Falle nehme ich das Erfolgsmodell von der Stange oder aus der Schublade und mach’s halt auch.

Im ersten Lebensmodell nehm ich das Erfolgsmodell von der Stange. Im zweiten Modell ist eine ganz wesentliche Frage, ob ich diesen Weg überhaupt “basteln” kann; das ist die Befriedigung und darin liegt Spitzenleistung. Man gewinnt Flexibilität, Unabhängigkeit, Autonomie. Das ist essenziell -  auch im Hinblick auf abnehmende Leistungskraft. Wenn ich mit 70 mich noch über schubladisierte Leistungsmodelle definiere – was ja manche tun und gehen dann noch mit 70 auf den Mount Everest gehen – aber irgendwann ist man soweit, wo die vorgefertigten Modelle nicht mehr erfüllbar sind.

Spitzenleistung kann auch sein, umzukehren. Wenn die Leistungskraft nachlässt und man es schafft, eine Individualisierung von Visionen, Zielen und Spitzenleistung zu leben – dann wird man nie unglücklich sein. Dann ist, zB mit 80 täglich einen bestimmten Weg noch gehen zu können, eine Spitzenleistung. Aber dazu muss ich mich entkoppelt haben von den Gedankenmodellen der herkömmlichen Werte.

Spitzenleistung ist das, was jeder für sich als Spitze definiert….

Ja, was im Rahmen meiner Möglichkeiten mir was abverlangt und Erfüllung bringt. Wenn ich mit 80 noch zum See gehen kann – dann ist das mein Tagesprojekt an dem ich Spitzenleistung erbringe. Man kann nur Spitzenleistung erbringen, wenn man eine optimale Mischung aus Training, Prädisposition, Alter, Leistungskraft hat.

Solange es aufwärts geht mit der Leistungsfähigkeit, kann man sich die Ziele von aussen definieren lassen – dann kann es eine Herausforderung sein und einem Fördern, und man hat eine Chance es zu erreichen.

Ich wollte nun wissen, mit welcher Energie er früher die Spitzenleistung erbracht hat, und mit welcher in seinen Bergprojekten.

Bei dem ersten Modell, in diesen schablonisierten Schubladenlösungen, hat man enorm viel Energieverlust – die passen nie genau auf einem, da ist wenig von einen selbst drin; viel Reibungsverlust. Die Motivation ist nach aussen gerichtet  – ich will nach aussen hin gefallen, ich will dazugehören zur Spitze etc. – was letztendlich keine nachhaltige Motivation ist.

Beim zweiten Modell hat es den Vorteil, dass man optimal abgestimmt ist auf seine Persönlichkeit, die man nun mal ist – damit hat man maximale Wirkungskraft in dem, was man tut. Und als zweites ist man intrinsisch motiviert. Intrinsische Motivation ist immer nachhaltiger und setzt viel mehr Energie frei.

In der ersten Welt sind die Ziele für Spitzenleistung meist von aussen definiert und beziehen nur ein Fragment von einem ein – dann braucht man viel Kraft, sie zu erreichen. In der zweiten Welt, wo man selber definiert, was für einen Spitze ist, man die ganze “Breitseite” seiner Selbst in Aktion bringt und damit seine Leistung mit viel Energie und grösserer Leichtigkeit erbringt.

Er hatte im Gespräch – im vorigen Beitrag aufgezeichnet – das Wort „Bewusstsein“ gebraucht und dabei gesagt, er wolle nicht „esoterisch“ klingen. Erstaunlich, dass dies so schnell in diese Ecke assoziiert wird. Für mich ist Bewusstsein eigentlich etwas ganz „Handfestes“, obwohl man es weder benennen noch anrühren kann. Es ist die Grundlage von Existenz – es durchdringt unser Leben und hält uns aufrecht; man hat noch nie einen Bewusstlosen stehen sehen….

Ich wollte hier noch etwas tiefer „graben“. Vorab hatte er gesagt, dass ihm seine 6-monatige Bergexpedition geholfen habe,  das Bewusstseins, zu ändern – die eigene Einstellung zu verändern und auch im Leben danach zu handeln; und dass seine Motivation viel mehr von innen gesteuert wurde. Darum geht es doch eigentlich: Dass man durch die ganzen Konditionierungen im Kopf hindurchfällt – sie aufbrechen oder aufweichen – damit die Dimension des Bewusstsein erwacht und man wieder von innen heraus – intrinsisch – anfängt zu leben, zu denken, zu fühlen, zu handeln.

Ich hatte den Eindruck, dass dies bei ihm noch eine weitere Seite hatte. Dass er von einem extremen „Macher“-Dasein sich neu durchs Leben bewegte – fliessender und mehr im Werden-Lassen als im Machen.

Ja, und das ist auch wirklich wichtig, das offen zu lassen, damit das Leben gestalten kann.  Leben sich gestalten lassen versus planen. Die Offenheit für Prozesse, die sich zeigen, ist ganz wichtig. Das ist ein wichtiger Wechsel, ein Paradigma Wechsel sozusagen, in der Art und Weise, wie man Dinge sieht, ganz fundamental. Auch die Idee des Homo oeconomicus, alles rational beurteilen, strukturieren, werten und dann quasi Handlungen ableiten können, ist ja so das vorherrschende Modell…  Und ich habe einfach die Erfahrung gemacht, wenn ich mal mit diesem Quatsch aufhöre und stattdessen mich treiben lasse -  auf das schau, was da so des Weges kommt, offen sein für das Überraschende – dann läuft das alles viel besser.

Ich erinnerte mich an Passagen in seinem Buch gegen Schluss, wie er beschrieben hat, wie sich – wie kleine Wunder – Schlafmöglichkeiten sich aufgetan hatten, als er aufhörte, sie sich zu organisieren. Wie schön das war, wenn das Leben organisierte. Dieser Wandel vom Machen zum Geschehen-Lassen.

Das ist eine gute Metapher wie’s Leben glaub ich wirklich funktioniert. Denn die eigene Phantasie ist im Planen vergleichsweise beschränkt mit dem, was das Schicksal über den Weg spült.

Ja – man kann nur denken, was man schon weiss. Und was man weiss, ist ja sooo wenig… Aber „werden-lassen“ braucht Vertrauen – viele Menschen haben Angst, loszulassen und dem Leben das Ruder zu übergeben.

Ich glaube, ein wichtiger Aspekt ist, wie man mit dem Thema Angst umgeht. Nach meiner Erfahrung werden Ängste auch nicht eliminiert, sondern Ängste verschwinden. Damit stimme ich dir eigentlich schon zu: Das Wichtigste ist, den Zustand des Bewusstseins zu erreichen und der Rest folgt.

Angst ist für mich inzwischen fast ausschliesslich ein Ergebnis der Unfähigkeit, im Jetzt zu leben. Wenn ich ganz im Jetzt  sein kann, ist fast – per Definitionem – kein Platz mehr für Angst.

Als er  in den Bergen war, da war immer wieder die „biologische Angst“. Wenn das System merkt, dass es jetzt extrem gefährlich ist, ist Angst ein Signal… Ich wollte wissen, wie er das erlebt hat – ich persönlich kenne diese Art von Angst weniger.

Ich glaube, es gibt die mind-getriebene Angst – das ist ein Ergebnis von Sozialisierungen, auch von kollektiven Prozessen und so weiter. Angstvolle Gedanken. zB sozialer Absturz, Arbeitslosigkeit, Krankheit. Diese Angst ist eine Art “Endlosschlaufen des Geistes” -  diffuse Endlosbänder, die da laufen.

Und dann gibt es die elementare biologische Angst in einer Situation, die wir eigentlich sonst im Alltag nicht mehr erleben.  Wie  beim Bergsteigen ist Höhenangst so ein Beispiel – also Absturzangst. Die ist absolut natürlich.

Die eine Angst wird  geschürt durch das Denken Die andere Angst entsteht im Körper, weil er existentiell bedroht ist. Dabei kann man ja auch denken, aber ich stelle mir vor, dass man dann mit dem Denken die Angst zu relativieren versucht; oder konstruktive überlebenssichernde Gedanken kommen.

Absolut, richtig. Das habe ich auch beschrieben im Buch. Wenn man es schafft, zur Ruhe zu kommen und nachzudenken, was jetzt passieren und was nicht passieren könnte, da lernt man, damit umzugehen.

Beim Bergsteigen kann man das auf zweierlei Arten:

Entweder man lässt sich von dieser Angst vereinnahmen, dann wird es richtig gefährlich, weil sich die Gedanken mit der Angst “soldarisieren”. Dann kommt man in einen Strudel der Panik und der physischen und psychischen Handlungsunfähigkeit. Das sind dann die, die nur noch vor irgendwo im Berg ausgeflogen werden können, weil sie sich völlig hilflos irgendwo anklammern…

Oder im andern Fall, in dem man erstmals nachdenkt und dann zu einem dermassen hohen Grad von Konzentration gelangt, in dem man ganz ruhig wird, aber höchst präsent -  und in diesem Zustand kommt dann Leistung. Dann wächst man über sich selber hinaus.

Dann mobilisiert man eigentlich Bewusstsein.  Aus dem Bewusstsein kann man die Situation klarer abschätzen und hat keine Gedanken, die sich solidarisieren mit der Emotion der Angst. Angst gekoppelt mit angstvollen Gedanken ist wie Öl ins Feuer. Wenn man die Angst im Körper erleben kann – dann hat sie mehr einen “biologischen Charakter”. Dies im Körper “auszusitzen” wirkt wie Wasser ins Feuer – aber das braucht die Ruhe und Klarheit von Bewusstsein. Bewusstsein ist also immer der Faktor, der  reguliert – in die Homöostase, Homöostase ist per Definition der Gleichgewichtszustand eines offenen dynamischen Systems durch einen intern regelnden Prozess. Erlebt ist es ein Zustand einer handlungsbereiten Ruhe.

Das finde ich das Faszinierende: Wenn man diesen “Faktor Bewusstsein” in sich aktivieren kann, kann man immer wieder darauf zurückgreifen – man kann sich auch in Extremsituationen vermehrt “dem Leben übergeben” in dem Sinne, dass man auf das Wissen im Bewusstsein vertraut, das Leben es regulieren lässt. Das ist eine grosse Kraft.

Und um Bewusstsein geht es im 6. und letzten Beitrag.

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