Der Faktor Bewusstsein, Teil 4-6

by Ruth Wenger on 16. November 2015

Bewusstsein – individuell und integral

Leadership-Qualitäten sind sicher eine innere Anlage – aber sie entwickeln sich oft auch im Laufe eines Lebens. Es hat sicher immer mit Bewusstsein zu tun – wie bewusst ist sich ein Mensch seiner Intensionen, Ziele, Handlungen und deren Wirkung und Reichweite.

In diesem Teil des Gesprächs haben wir diese Thematik aufgefächert.

Ich möchte ihn mit der Wiederholung der Aussage von Markus Hotz im letzten Beitrag beginnen.

“Wenn jemand werteorientiert und respektvoll Einfluss nimmt auf die Handlung oder Entscheidung anderer, ist der manipulative Effekt weg – das meine ich mit Haltung und das ist eine Leadership Qualität.”

Kannst Du darüber mehr sagen: Was heisst es, eine Vision oder eine übergeordnete Zielsetzung  zu haben – etwas, was über die individuellen Bedürfnisse hinausgeht. Und was heisst für Dich das Wort „dienen“?

Ich denke, dass jeder Mensch einen „höheren Zweck“ in sich trägt, der sich zeigt, wenn er sich genügend tief nach innen richtet und zu verstehen beginnt, worum es geht.

Ich möchte Dir dazu ein eigenes Beispiel geben aus dem Umfeld, in dem ich arbeite: Workshops und Leadership Coaching. Ich kann mir als Unternehmer nun verschiedene Ziele setzten: Will ich in der Schweiz ein Business  betreiben, das vor allem Umsatz macht? Oder sage ich mir, dass ich eine solche Vision unterstützen will, in der sich Menschen besser verstehen; einen Beitrag leisten, dass es weniger Missverständnisse gibt – dass jeder in seinen Power in seiner Aera of Effectiveness performance kann? Der Entscheid ist also: Also will ich einem grösseren Ganzen dienen oder geht es nur um meine eigenen Bedürfnisse?

Ich denke, das hat jeder Mensch in sich – wir sind nicht Einzelkämpfer, wir sind Gruppenmenschen. Und dafür braucht es ein bestimmtes Umfeld. Und wenn der Mensch das gefunden hat, kommt er eher dazu, dienen zu wollen. Auch im Wissen, dass „Gutes tun“ oder andere in etwas zu unterstützen durch das das Leben an sich belohnt wird – auf der materiellen oder auf der immateriellen, geistigen Ebene – durch Wertschätzung, Anerkennung, Befriedigung. Und vielleicht gibt die Sinnerfüllung an sich sogar mehr Selbstwert als die materiellen Belange, welche damit einhergehen.

Die Frage ist also, was ist der innere Treiber? Gute Leader sind von inneren Werten motiviert und weniger von äusseren. Es braucht immer beides – die Frage ist einfach, welches ist der nachhaltige Treiber. Was NUR von aussen kommt, was mit materiellen Werten wie Geld, Status etc. zu tun hat, ist nicht wirklich nachhaltig. Aber da findet meist auch eine natürliche Entwicklung statt.

Hier spricht er einen Entwicklungsprozess an, den die meisten Menschen im Verlaufe eines Lebens mitvollziehen, wenn sie einigermassen „wach“ – dh bewusst – unterwegs sind. Markus Hotz beschreibt ihn als „Entwicklungsphasen“. Ich finde es schön, dass er diesen Prozess altersunabhängig macht. Ich kann  beobachten, dass es junge Menschen gibt, welche mit einer bemerkenswerten Bewusstheits-Kompetenz im Leben stehen, dass ich von ihnen viel lernen kann…

Wenn man die verschiedenen Lebensphasen anschaut ist vielleicht am Anfang mehr Fokus auf dem Materiellen – dass man sich einen guten Boden schafft und sein Leben finanzieren kann. Wenn das gegeben ist, stellen sich andere Fragen.

Deshalb ist für mich Leadership auch eine Frage des Alters – nicht nur das biologische Alter, sondern der Menge an Erfahrungen, welche ich gemacht habe.

Meinst Du Reife?

Ja, Reife ist vielleicht das richtige Wort. Es gibt 20-Jährige, welche bereits sehr reif sind, weil sie sehr weit sind in ihrer Wesensbildung. Die können u.U. bessere Leadership praktizieren als ein 50/60-Jähriger, weil sie als Wesen eine andere Wirkung erzielen. Ich nenne dies die „Seins-Macht“,  im Gegensatz zur „Haben-Macht“ – nicht was ich habe zeichnet mich aus, sondern was ich bin. Das ist für mich eine weitere Facette von Leadership.

Lass uns noch einen Moment dabei verweilen. So könnte man also sagen, Leadership zeichnet sich aus durch Seins-Qualitäten oder durch persönliche Reife. Das nenne ich Bewusstseins-Kompetenz.

Wenn wir nun in Betracht ziehen, was Du vorab sagtest, dass ein 20-Jähriger weiter sein kann in seinem persönlichen Reifungsprozess als ein 50/60-Jähriger, sind es ja nicht die Menge der gelebten Jahre, welche die Reife prägen, sondern der Grad der Bewusstheit, die ein Mensch hat. Oder wie würdest Du das sagen?

Ich sehe das 100%ig gleich. Wenn wir von einer inneren Haltung sprechen, ist es immer eine Frage des Bewusstseins. Bewusstsein hat viel damit zu tun, wie der Mind funktioniert – was den Mind antreibt – und die Art der Gedanken – wie unsere Gedankengänge formen – das prägt die Haltung. Das hat stark mit Bewusstsein zu tun.

Es gibt verschiedene Stufen von Bewusstsein. Nicht in dem Sinne, wie Du es in Deinem Buch „Der Alpha Faktor“ beschreibst.

Er bezieht sich hier auf ein Kapitel in meinem Buch, das ich hier verlinke.

Es gibt verschiedene Bewusstseinsstufen, welche wir als Lebewesen durchschreiten: Das „ich-lose“ Bewusstsein, welches wir als Baby leben, wenn wir auf die Welt kommen, und aus dem sich dann die Qualitäten der Persönlichkeit entwickeln: mythisches, mystisches Bewusstsein. Das sind alles Stufen, welche wir durchlaufen. Und irgendwann kommen wir – hoffentlich – zum integralen Bewusstsein. Integral heisst, dass es all diese Bewusstseinsebenen beinhaltet. Dass wir uns auf allen diesen verschiedenen Ebenen bewegen können.

Zu diesem Thema gibt es ein aufschlussreiches Buch von Willy Sutter “Wie Bewusstseinsformen Wirklichkeiten erzeugen”(Arun Verlag). Es handelt die von Markus Hotz erwähnten Bewusstseinsstufen ab, bezieht sich aber leider wenig auf Bewusstsein als solches als Grundlage all dieser Bewusstseinsformen.

Das hat vielleicht auch mit dem Alpha Zustand zu tun – dass wir in ein anderes Bewusstsein kommen, in dem wir Zugang haben zu den verschiedenen Ressourcen: Integral, allumfassend, alles einschliessend.

Das ist für mich primär eine Bewusstseinsfrage. Es gibt keine Entwicklung in einem Menschen auf dieser Welt welche nicht mit der Bewusstseinsentwicklung zu tun hat. Wir als Menschen sind ja nicht rein instinktgetrieben – wir sind, faktisch, „bewusstseinsgetrieben“. Wenn man sein individuelles Bewusstsein entwickelt und sich ein integrales Bewusstsein erarbeitet, ist schon viel erreicht. Daraus kommt die Führung von innen nach aussen.

Integrales Bewusstsein – kannst Du mir das noch definieren?

Eine Definition könnte heissen: Wir sind nicht getrennt, alles ist mit allem verbunden. Das ist für mich ein integraler Gedanke. Ich kann nicht losgelöst von meinem Umfeld – der Natur – eine Handlung tätigen, ohne dass dies nicht irgendeine Wirkung erzielt, positiv oder negativ. Wenn ich mit einer gesunden Haltung – mit Respekt für alle Lebewesen – in die Handlungen gehe und – mindestens nicht bewusst – niemandem schaden oder ihn manipulieren will, dann ist das für mich ein Teil eines integralen Bewusstsein.

Ich sehe, wie man Menschen manipulieren kann. Aber dies zu meinem Vorteil und des anderen Schaden zu tun hat nichts mit integralem Bewusstsein zu tun. Das würde dann heissen, dass ich andere Dinge tun lassen, die nur mir nützen.

Ein Leader versteht, dass er Menschen an Themen heranführen kann, welche für sie gut und wichtig sind und ihnen Entwicklung ermöglichen. Durch dienen sie dem grösseren Ganzen und können davon wiederum profitieren.

Das Wort „Natur“ hat in mir einen Gedanken ausgelöst: Der Buchtitel „Alpha Faktor“ weckt in vielen die Assoziation zu „Alpha Tier“. Das finde ich interessant, denn: Was ist ein Alpha Tier? Was zeichnet dieses Tier aus – nebst seiner Stärke? Was macht, dass es – wenn es diese Rolle übernimmt, erkämpft oder gegeben von der Herde – was unterscheidet dann dieses Tier von den anderen?

In der Natur  ist es meist so, dass die Stärksten ihre Gene weitergeben sollen, damit die Herde überlebt.

Ja, das ist ein Aspekt. Aber das Alpha Tier, das die Herde führt, muss in seinem Bewusstsein so gepolt sein, dass er zum Wohl der Herde führt. Das Alpha Tier muss wissen, wo das nächste Wasserloch ist. Sein Instinkt – seine Fähigkeiten oder sein Wissen – bezieht das Wohl der Herde ein.

Ich weiss nicht, ob die Tiere auch ein Bewusstsein haben. Man untersucht dies nun und kommt zum Schluss, dass sie dies wahrscheinlich in einer gewissen Form haben. Es ist wohl vor allem instinktorientiert. Und bei einem Alpha Tier könnten solche Instinkte besser ausgeprägt sein durch bessere Gene. Und dann wissen alle, dass – wenn sie dem nachlaufen – effektiv zum Wasserloch kommen.

In Deinem Buch „Der Alpha Faktor“ geht es nicht um „Alpha Tiere“, sondern es geht wirklich um diesen Faktor Bewusstsein.

..oder nicht Alpha Tiere im negativen Sinne. Wenn jemand die Fähigkeit hat, ein Alpha Tiers verkörpert hat er genau jene Qualitäten, welche wir Leadership zugesprochen haben. Das Wort „Alpha Tier“ wurde meines Erachtens verzerrt indem man es anwendet auf jemanden, der rücksichtslos vorprescht, ohne Rücksicht auf andere; das ist ein Missbrauch des Wortes. Kein Alpha Tier in der Natur tut so was; ein Herdenführer macht genau das Gegenteil – es geht vorwärts im Wohl der Herde. Ich fand es interessant, dass viele den Titel so verstanden hatten.

Das zeigt, welche Filter die Leute drauf haben. Heute muss man die Dinge nicht mehr „machen“, sondern entstehen lassen.

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