Der Faktor Bewusstsein, Teil 5-6

by Ruth Wenger on 11. Dezember 2015

Die Kraft des Kollektiven Bewusstseins

Der Faktor Bewusstsein, so wie ich ihn in der Einleitung beschrieben hatte, ist eine trans-formierende Kraft. Eine Bewegung hin zu mehr Verbundenheit, Einklang und Identifikation mit dem grossen Ganzen – dem All-es. Diesen „individuellen Prozess“ hat Markus Hotz im vorigen Beitrag beschrieben.

Da ein Leader nie alleine dasteht ist die Wechselwirkung zu den Menschen, welche sein „Kollektiv“ formieren, ein wichtiger Faktor.

Ein guter Leader weiss, dass er,  als Primus inter Pares – „Erster unter Gleichen“ – wichtig ist, aber nicht entscheidend. Er weiss, dass er die Kraft des kollektiven Bewusstseins, von dem er sich als Teil versteht, inspirieren, koordinieren und sinn-/zielbezogen „lenken“ kann.  Dies tut er in einem dienenden Sinne – so wie vorab beschrieben – und versteht sich selber als „Geführten“ von einer Vision, welcher er mit seiner Bereitschaft zum Dienen Ausdruck verleihen kann. Die „Kontrolle“ – wenn es eine gibt – liegt genau darin: Den Eigen-Willen loszulassen um für den Willen des Werden-Wollenden offen zu sein.

Nochmals zum Thema Kontrolle. Du sagtest vorhin, als wir das Thema „Kontrolle“ besprochen haben: Wenn ich Kontrolle haben will, muss ich loslassen, damit die andern sich selber kontrollieren.

Wir haben bezüglich Leadership viel über das individuelle Bewusstsein des Leaders in Bezug zum Ganzen gesprochen. Aber ein Leader ist ja auch ein Repräsentant eines Kollektivs.

Ich sehe eine grosse Wichtigkeit darin, dass ein Leader das Kollektivbewusstsein „bewegen und nutzen“ kann. In meinem Weltbild gibt es nur EIN Bewusstsein, von dem wir alle Teil sind – in diesem universellen Bewusstsein „spaltet“ sich scheinbar alles auf und bleibt doch inhärent verbunden.

Wie erachtest Du die Bedeutung der Fähigkeit eines Leaders, das Kollektivbewusstsein nutzen kann? Was sind dazu Deine Gedanken?

Ich erachte das als ganz wichtig. Das meinte ich mit der Aussage, dass ein guter Leader die Fähigkeit hat, an das kollektive Unbewusste oder das Universalwissen anzudocken. Damit kann er ein kleineres System oder Team dahin gehend leiten und fördern, auch daran anzudocken.

Würde das heissen, die Individuen im Kollektiv  so zu unterstützen, dass sie ebenfalls ihre Bewusstseinsressouce nutzen?

Absolut! Ich glaube stark daran, dass jeder Mensch ganz besondere Qualitäten hat – seine Einzigartigkeit. Die Aufgabe eines Leaders ist, ein Umfeld zu schaffen, dass die Menschen in diesem Umfeld ihr Potenzial entfalten und diese Einzigartigkeit entwickeln können.

Bewusstsein ist das Potenzial. Das ist ein anderer Ansatz als dass Menschen 8 oder 10 Stunden „knechten“, um den vorgegebenen Umsatz zu erwirtschaften.

Wenn wir die Ursache-Wirkung-Kette betrachten, worauf schauen wir?  Auf das, was man erreicht, oder darauf, was man permanent tut? Ich würde jedem Leader sagen: Schau auf das, was Deine Leute permanent  tun.  Denn das, was daraus entsteht, kann unter Umständen besser sein als man es vorab definieren kann. Mit dieser Sicht macht man sich allerdings in einer Management Welt nicht sehr populär, denn da geht es um Budget, um Zahlen und messbare Grössen etc.

Aber ich glaube stark, dass wir in ein Bewusstsein reinwachsen, in dem nicht Strukturen vorgegeben werden, in denen Menschen arbeiten müssen um vorgegebene Ziele zu erreichen. Ich denke eher, dass wir in ein Zeitalter wachsen – auch wirtschaftlich gesehen – in dem gute Leader gute Köpfe zusammenbringen und die Strukturen entstehen lassen, welche in dem Moment grad nötig sind, um einem definierten Zweck zu dienen – und nicht umgekehrt.

Das ist eine andere Form von Leadership und das kann nur aus einer Leadership Qualität des Andocken-Könnens ans universelle Wissen. Aus dem Andocke-Können an die individuellen und auch kollektiven Erfahrungen um dem grösseren Ganzen zu dienen. Das ist ein anderer Mindset.

Das ist ein so spannender Punkt. Ich bin grad dran mich einzuleben in die Dialog-Praxis. David Bohm ist der Vater des Ganzen – er begann damit 1983 und hat auch ein interessantes Buch darüber geschrieben: “Dialog, das offene Gespräch am Ende der Diskussion” . William Isaacs hat 10 Jahre später begonnen, intensiv damit zu arbeiten. Und heute sind es Joseph Jaworksi  (Autor von „Synchronicity“, „Source“) Otto Scharmer (Autor der „Theorie U“ und Co-Autor von „Von der Zukunft her frühren“und Peter Senge (Autor von „Die 5. Disziplin“ mit dem Praxisbuch “Das Fieldbook“) welche dieses Thema zentral nutzen (Anm: Lesenswert ist auch „Presence“ von Scharmer, Jaworksi, Senge und Flowers und als Grundlage des Ganzen das Buch von David Bohm „Wholeness and the implicit order“)

In dieser Art Dialog geht es darum, Menschen zusammen zu bringen mit der Intension, Bewusstsein als solches in Aktion kommen zu lassen. Das heisst, eine Neugierde zu entwickeln für Dinge, die man noch nicht weiss…

Neugierde ist enorm wichtig!

Und was Du vorher sagtest: Dinge aus dem Moment heraus entstehen zu lassen. Dies bedingt ganz bestimmte Voraussetzungen -  Eckpfeiler – damit dieser Raum sich öffnen kann, in dem sich aus dem Kollektivbewusstsein die nötigen Ideen, Lösungen oder Strukturen generieren. Ein wichtiger ist, dass man die eigene Egostruktur – im Sinne des Anhaftens an Bedürfnisse wie:  sich zu profilieren, zeigen was man weiss, „der Grösste zu sein“ etc. – ins zweite Glied stellen kann. Dass man sich aus einem „bewussten Nicht-Wissen“ in den Moment hineingibt – nicht wissend, was der Outcome sein wird – nur mit der Intension, offen zu sein, dass etwas durch einem entstehen kann – und auch offen dafür, dass es nicht entsteht… Dass man auch mit dieser Unsicherheit umgehen kann, dass es vielleicht nicht gleich jetzt entstehen wird, aber mit der Sicherheit, dass es DA ist.

Das ist eine Qualität, welche wichtig ist in meiner Arbeit mit Führungsteams. Ich frag immer: Habt Ihr eine Diskussions- oder Dialogkultur? Die meisten meinen, das sei doch das Gleiche.

Meine Unterscheidung ist, dass man in einer Diskussion die eigenen Argumente möglichst gut vertrete und gewinnen will.  In einem Dialog geht es darum, ein Teil seiner Erfahrung auf den Tisch zu legen – und jeder tut dies – und dann zu schauen, was aus dem allem, was auf dem Tisch liegt, entsteht.

So kann etwas Grösseres, Ganzes, Besseres entstehen – etwas, auf das ich nicht alleine kommen könnte. Das ist eine grosse Kraft und befreiend, weil ich a) diesen Anspruch nicht habe und b) nicht diesen Druck auf mir lastet, alles wissen und zu können zu müssen.

Eine Dialogkultur zeichnet sich dadurch aus, dass man sich einbringt aber ohne den Anspruch, Recht haben zu müssen. Es geht nicht um mich, sondern um die Sache, von der ich Teil bin. Alles, was ich an Wissen und Erfahrung habe, bringe ich ein, aber ohne den Anspruch, dass dies zur Lösung führen muss; es kann sein, aber muss nicht. Das ist ein anderes Bewusstsein.

Das ist im Grunde genommen wieder eine dienende Haltung. Man gibt sich – und alles, was man ist und hat – rein, und daraus entsteht etwas, das nicht 1:1 auf einem zurückkommt.

Genau, man hat nicht den Anspruch „invented by me“. Das ist überhaupt nicht mehr wichtig auf einer gewissen Entwicklungsstufe, sondern die SACHE ist wichtig.

Sache in einem erweiterten Sinne – wie Du sagtest: Sache ist nicht nur WAS man erreicht, sondern vor allem WIE man es erreicht – dass es auch die tieferen Bedürfnisse des Individuums befriedigt werden, welche oft im Einzelkampf verloren gehen. Es ist ein anderer Approach, Ziele zu erreichen.

Einer unserer Firmenwerte im grösseren Kontext ist: Enjoying the journey. Das heisst, geniessen, was man im Moment gleich tut. Und der Genuss entsteht daraus, dass man sich vom Druck verabschieden kann, recht zu haben, besser zu wissen, mehr zu wissen, sein eigenes Ding durchziehen zu müssen – dann wird Arbeit zu „Krampf“. Genuss erlebt man, wenn man Dinge entstehen lässt, zusammen Freude hat und etwas erreicht und schlussendlich auch zusammen Erfolge feiern und stolz sein zu kann. Das ist viel nährender, als Dinge im Alleingang zu erreichen. Daher schafft eine Dioalogkultur, in jeder bereit ist, sich und seinen Teil in ein grösseres Ganzes einzubringen, eine ganz andere Qualität.

Es wird auch eine ganz andere Gesprächskultur wenn das lebendig ist.

Ja, und das zu ermöglichen ist eine Leadership Qualität.

Was dazu kommt ist, dass ich eigentlich gar nicht muss, sondern ICH KANN. Ob das vorhanden ist merkt man im Sprachgebrauch. In vielen Firmen hört man immer wieder: Ich muss noch dies – ich muss noch das – ich muss noch jenes. Niemand sagt: Ich möchte noch dies – ich möchte noch das  – ich will noch jenes. Immer dieses ich muss – ich muss – ich muss… Diese Energie gilt es umzulenken. Dazu benötigt es Leader, welche diese Mechanik verstehen: Vom Transaktionalen zum Transformationalen.

Genau, welche diese Dynamik verstehen und die nötige Erfahrung ermöglichen können. Die meisten Menschen kennen nur die Ich-Muss-Erfahrung. Wenn sie die Ich-Kann-Erfahrung machen können erleben sie, dass das dies ihren inneren Bedürfnissen näher kommt – näher ist all dessen, was sie wirklich wollen.

Ich denke, dass diese Übergangsphase eine interessante Zeit ist – in der Bewegung in diese Richtung stattfindet, aber auch Rückschläge zu verzeichnen sind. Das Ganze ist ja auch ein Spiel der Kräfte – Kräfte, die oft in polar entgegengesetzte Richtungen ziehen.

Momentan ist das Kräfteverhältnis einfach noch zu Ungunsten vieler Menschen, welche bereits so denken, handeln und leben. Aber das ist auch das Pionierhafte an dem Ganzen – dass wir auf diesen Weg gehen und sich die Zeit in diese Richtung verändert.

Ich würde jedem sagen: Bleib dran! Du bist einer der Ersten. Die Ersten sind jene, welche noch Pfeile im Hut haben, weil zwischendurch auf sie geschossen wird – aber genau die braucht es. Hinten nach wird die grosse Masse kommen und dann wird es Usus werden und das System sich verändern.

Wir sind natürlich heute von der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Wissenschaft und den Universitäten ganz anders aufgesetzt und bewerten die Dinge noch aus diesem Wissens-Blickwinkel. Also gilt es, diese neue Qualität einzubringen, ohne das Gute im anderen zu verlieren.

Ich denke, dass es sehr wichtig ist, dass man nicht alleine ist auf diesem Weg…

Es gibt schon sehr viele Menschen, welche so denken

Ja, und das ist ja auch eine Bewegung im Kollektiv, welche einem mit Netzwerken, Literatur etc.  unterstützt

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